Wäre ich Fatalist, käme ich auf die Idee, Gegenwind sei etwas, das direkter Ausdruck des bekifften Karmas sei. Man müht sich ab im Leben, strampelt gegen jeden Widerstand, versucht weiter zu kommen. Und doch scheint da eine unsichtbare Macht, die einen hält und flüstert: „Du kommsch hier net rein!“

Es liegt einfach so nahe: Denn wer gerne einmal bildlich auf die Fresse fällt, muss unweigerlich eine Verbindung zum Leben ziehen, wenn einmal wieder gegen starken Wind angerannt oder angeradelt werden muss. Der Gedanke, es gäbe eine Korrelation zwischen dem Anrennen gegen starken Gegenwind und dem Schicksal, das sich einem verhindernd in den Weg stellt, kam mir schon im Sommer 2014. Ich notierte damals:

Ich radle gegen den Wind, die Sonne strahlt. Ich radle im Grunde immer gegen den Wind. Das beim Fahrradfahren mit mich bremsendem und hemmendem Wind konfrontierte Sein ist Ausdruck meines Lebens. Immer dagegen, gegen den Strich, nie leicht. Ich radle und ich strampele. Ich trage ein sonnenblumen-gelbes T-Shirt. Von weitem mag ich aussehen wie eine dicke Sonnenblume, die sich gegen den Gegenwind stemmt, dem sie aufgrund eines raffiniertes Schicksals ausgesetzt ist. Ein Käfer trifft mich mit voller Härte, ich spüre einen Schmerz auf der Brust vom Aufprall. Der vom Wind zu einem Geschoss beschleunigte Käfer, der mit voller Wucht auf das sich abstrampelnde Hindernis trifft. Ich stelle mir vor, wie es für den Käfer sein muss: Er fliegt genüsslich mit dem Wind, alles fließt wie von selbst, er ist mit sich und der Welt im Reinen. Er wird getragen vom kräftigen Wind und ohne große Anstrengung, er liebt sein Leben. Dann trifft er mit voller Wucht auf eine sich gegen den Unbill des Lebens abstrampelnde, dicke Sonnenblume und stirbt.
(2. Juni 2014)

Das ist bestimmt Ausdruck einer abergläubischen Lebenseinstellung, ein Zeichen dafür, dass man noch nicht vernunftbegabt genug die Untiefen des unbewusst Mythologischen überwunden hat. Oder einfacher: ein rechter Schmarren.

Doch selbst wenn kein Zusammenhang besteht zwischen einer den Lauf erschwerenden Windböe und dem oft beschwerlichen Leben, so ist zumindest eines gewiss: Gegen den Wind zu Laufen ist katastrophal, nervig, anstrengend, unsinnig, ja, beinahe ein wenig deppert. Denn während die Pulsuhr hektisch piepst, weil man schon an der anaeroben Schwelle rödelt, macht man kaum Distanz gut, kommt man kaum vorwärts.

Es ist deshalb ein wirklich wertvoller Tipp, an Tagen mit starkem Wind die Trainingsroute so zu wählen, dass man am Anfang gegen den Wind läuft, wenn man noch frisch und vor Kraft strotzend einher joggt und dem Wind souverän lächelnd die Stirne bietet. Um dann beim Umkehren nach der Hälfte des Trainings, wenn die Kräfte schon nachlassen, mit dem Wind im Rücken heimgetrieben zu werden.

Übrigens: Wenn der Wind auf halber Strecke wendet und man sowohl beim Hin- als auch Rückweg gegen den Wind anrennen muss, ist das eben doch Schicksal!

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